THEATER der Infamen Menschen

15.06.2016 (Mi),  19:30 Uhr
16.06.2016 (Do), 19:30 Uhr                     im Theater Combinale, Lübeck

21.06.2016 (Mo), 20:00 Uhr
22.06.2016 (Di),  20:00 Uhr
23.06.2016 (Mi),  20:00 Uhr                     im Ballhaus Ost, Berlin

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EINE HILFSINSZENIERUNG FÜR NORMFIXIERTE UND KONTROLLBESESSENE

Das „Theater der Infamen Menschen“ ist eine Kooperation zwischen der Agentur für Überschüsse /AfÜ, dem Verein N.E.MO, der Uni Lübeck und dem Theater Combinale.

Die AfÜ ist ein neurologisch-performatives Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, den Grenzbereich zwischen Bewegungsstörungen und performativen Präsentationsformen, also auch dem Theater, auszuloten.

Sie besteht unter anderem aus dem Neurologen und Neurowissenschaftler Prof. Dr. Alexander Münchau und dem Dramaturgen Hans-Jörg Kapp.

Grundlage der geplanten Performance sind die „lettres de cachet“, von Arlette Fargue gesammelte und von Michel Foucault kommentierte Sammlung von Einweisungsbitten von Pariseer Bürgern des 18. Jahrhunderts.

Das Projekt thematisiert in diesem Zusammenhang den Umgang mit Regeln und Normen im medizinischen Kontext und wirft die Frage auf: Sind wir heute tatsächlich soviel toleranter und aufgeklärter als die Bürger des vorrevolutionären Paris?.

Die Inszenierung versucht, Normverletzungen durch abweichendes Verhalten als Spiel, als Entwicklungsüberschuss, als „motorisches Rauschen“ aufzufassen und in Theater zu verwandeln.

Die Versuchsanordnung:
Ein Theaterraum. Auf der Bühne Ärzte, Eltern, Angehörige. Sie tauschen sich in einem professionell-verständnisvollen Ton über die jeweiligen Patienten aus. In der Tiefe des Zuschauerraums befindet sich der Tourette-Betroffene Daniel Weber und rezitiert mit ruhiger Souveränität aus Michel Foucaults Text über die lettres de cachet. Die von Arlette Fargue gesammelten Einweisungsbitten von Bürgern aus dem Paris des 18. Jahrhunderts werden ins Verhältnis zum heutigen medizinischen Umgang mit Bewegungsstörungen und neuropsychiatrischen Erkrankungen gesetzt. Angehörige von Betroffenen schildern, in welch schwieriger Dynamik sich Familien oft befinden, wie schnell Sozialneid, Angst vor dem Anderssein, Missverständnisse und Fehlinterpretationen von Verhaltensweisen den Betroffenen und ihren Angehörigen das Leben schwermachen. Sie beleuchten im Arzt-Patientengespräch aber auch die normierten Diagnosen von Ärzten, unzureichende Kommunikation und Schwächen des medizinischen Versorgungssystems im Umgang mit Andersartigkeit, denn nicht alle, die ticcen, sind krank.
Im Spannungsfeld zu diesen Reden kommentiert der Touretter Daniel Weber das szenische Geschehen mit seinen tic-durchsetzten Foucault-Zitaten; die Pianistin Ninon Gloger trägt mit der Sängerin Frauke Aulbert sich zunehmend ticciger gestaltende Lieder vor. Der Tic, der im Alltag eher irritiert, wird so zum bewusst gesetzten Spannungspol einer menschlichen Komödie der etwas anderen Art. Und es stellt sich die Frage: Sind wir heute denn tatsächlich so viel toleranter und aufgeklärter als die Bürger im vorrevolutionären Paris?

Die Agentur für Überschüsse (Hamburg / Lübeck) sind der Neurologe und Neurowissenschaftler Prof. Dr. Alexander Münchau, der Regisseur Hans-Jörg Kapp sowie der Dramaturg Timo Ogrzal. Das 2012 gegründete neurologisch-theatrale Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, den Grenzbereich zwischen Bewegungsstörungen und performativen Präsentationsformen auszuloten.

mit SIGRID DETTLOF / ALEXANDER MÜNCHAU / MIGNON REMÉ / DANIEL WEBER Konzeption / Umsetzung AGENTUR FÜR ÜBERSCHÜSSE Ausstattung MARCEL WIENAND Gesang FRAUKE AULBERT Piano NINON GLOGER Elektronische Realisation TODD HARROP

EINE PRODUKTION DER AGENTUR FÜR ÜBERSCHÜSSE IN KOOPERATION MIT DEM VEREIN N.E.MO. UND DEM THEATER COMBINALE, LÜBECK
GEFÖRDERT DURCH DIE UNIVERSITÄT ZU LÜBECK SOWIE DIE POSSEHL-STIFTUNG
MIT FREUNDLICHER UNTERSTÜTZUNG DER INTERNATIONAL PARKINSON AND MOVEMENT DISORDER SOCIETY, VON N.E.MO. e.V., DER JUNG-STIFTUNG FÜR WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG, HAMBURG, DER GEMEINNÜTZIGEN SPARKASSENSTIFTUNG ZU LÜBECK, DER TOURETTE GESELLSCHAFT DEUTSCHLAND, ACTELION PHARMACEUTICALS, DER KÖNIG-STIFTUNG, LÜBECK, DES INTERESSENVERBANDES TIC & TOURETTE SYNDROM E. V. UND VON MERZ PHARMA

„Wir lassen Strolche, arme Leute oder einfach niedriges Volk auf einem seltsamen Theater auftreten, wo sie Posituren einnehmen, Wörtersalven abfeuern, große Reden führen, wo sie Fetzen von Gewandung anlegen, damit man ihnen auf der Bühne der Macht Aufmerksamkeit schenkt. Gelegentlich erinnern sie an eine armselige Gauklertruppe, die sich mehr schlecht als recht, mit einigem früher einmal kostbaren Flitter ausstaffiert hat, um vor einem Publikum von Reichen zu spielen, das sich über sie lustig macht. Mit dem Unterschied allerdings, dass sie ihr eigenes Leben spielen, und zwar vor Mächtigen, die darüber entscheiden können.“ (aus Michel Foucault, „Das Leben der infamen Menschen“ Berlin 2001)